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In-Browser-Ransomware: Forensik ohne Payload und ohne Datei

29.07.2026 browser-forensicsransomwareai-generated-malwarefile-system-access-api

Check Point Research hat einen Fund gemacht, der klassische Annahmen der Malware-Forensik ins Wanken bringt: Ransomware, die weder eine Datei auf die Festplatte schreibt noch einen Prozess startet, sondern vollständig innerhalb eines Browser-Tabs läuft. Der Auslöser war kein menschlicher Angreifer, sondern ein Large Language Model. Bei der Analyse von rund 3.000 DeepSeek-zugeschriebenen Dateien stießen die Forscher auf eine Flask-Anwendung namens InfernoGrabber, die sich als Discord-Avatar-Upscaler tarnte. Die generierte Anwendung versuchte, Keylogger, Credential-Stealer, Webcam-Zugriff und ein Ransomware-Overlay in eine einzige Webseite zu packen – das meiste davon lassen Browser schlicht nicht zu. Doch mittendrin fand sich ein funktionierender Baustein.

Die Technik: Ein Permission-Prompt als Angriffsvektor

Der generierte Code rief showDirectoryPicker() auf – eine legitime Browser-API, die einer Webseite erlaubt, Zugriff auf einen Ordner auf dem Gerät des Nutzers anzufordern, Dateien darin zu lesen, zu verändern und an einen entfernten Server zu senden. Keine Installation. Kein Exploit. Nur ein Permission-Prompt. Check Point baute daraus einen eigenen Proof-of-Concept: eine gefälschte KI-Foto-Verbesserungs-App, die die File System Access API nutzt, um Bilder in einem ausgewählten Verzeichnis zu verschlüsseln.

Der Ablauf ist bewusst harmlos gestaltet: Ein Nutzer öffnet eine Seite, wählt ein Foto aus, entscheidet sich für einen Ordner zum Speichern der verbesserten Version und erteilt die von Chrome angefragte Berechtigung. Hinter diesem normalen Ablauf kann die Seite während der scheinbar routinemäßigen Verarbeitung im Hintergrund jedes Bild im Ordner leise verschlüsseln. Besonders kritisch ist die Android-Variante, da moderne Chrome-Versionen dort den Zugriff auf Foto-Verzeichnisse wie DCIM nach Nutzerfreigabe erlauben, wobei ein gefälschter KI-Bildverarbeitungs-Workflow einen plausiblen Grund liefert, um Ordner-Zugriff zu genehmigen. Getestet wurde die Technik erfolgreich auf Windows, macOS, Linux, Android sowie Microsoft Edge unter Windows – lediglich auf iOS ließ sich der Angriff nicht reproduzieren. Wichtig für die Einordnung: Es gibt keine Hinweise darauf, dass dieses browser-native Ransomware-Muster bereits in freier Wildbahn missbraucht wurde. Das Konzept selbst ist jedoch nicht neu – Browsersicherheitsforscher und das W3C selbst hatten bereits seit der Entwurfsphase der Spezifikation 2019 anerkannt, dass die File System Access API einen Ransomware-Angriffsvektor schafft.

Forensische Spurensuche: Wenn der Prozess unschuldig aussieht

Für DFIR-Teams entsteht hier ein echtes Problem: Ein EDR-Sensor, der Prozess- und Dateisystem-Events überwacht, sieht in diesem Szenario lediglich den Browserprozess selbst, der – vom Nutzer autorisiert – in ein Verzeichnis schreibt, auf das er Zugriff besitzt. Es gibt keine verdächtige Prozesskette, keinen injizierten Code, keine klassischen LOLBins. Die forensisch relevanten Spuren verschieben sich vollständig in die Browser-eigenen Datenstrukturen: die Content-Settings- und Permission-Datenbanken (in Chromium in der Preferences-Datei bzw. in der SQLite-Datenbank „Web Data" abgelegt), IndexedDB-Einträge mit serialisierten FileSystemFileHandle-Objekten, Service-Worker-Registrierungen und Cache-Storage-Reste sowie die Netzwerk-Telemetrie für eventuelle Exfiltration.

Akademische Vorarbeit gibt es bereits: Ein browserbasiertes Ransomware-PoC wurde mit drei verschiedenen Betriebssystemen, 23 Dateiformaten, 29 unterschiedlichen Verzeichnissen, 5 Cloud-Anbietern und 4 Antivirenlösungen getestet und zeigte, dass eine solche Ransomware zahlreiche Dateitypen mit sensiblen Nutzerinformationen verschlüsseln kann – einschließlich Nutzerverzeichnissen, Datenpartitionen, externen Speichergeräten, Netzlaufwerken und Cloud-integrierten Verzeichnissen.

Für die Praxis bedeutet das: Incident Responder sollten Chrome-Permission-Grants als eigenständige Artefaktklasse behandeln, Enterprise-Policies zur Einschränkung der File-System-Access-API prüfen und Browser-Telemetrie (nicht nur Endpoint-Telemetrie) fest in die Triage-Pipeline integrieren. Der Fall zeigt zudem, wie KI-Modelle als Beschleuniger wirken: Verteidiger müssen künftig mit KI-unterstützten, disponiblen Malware-Artefakten rechnen, die Erkennung und Attribution erschweren, da KI abstrakte bösartige Konzepte rasch auf legitime Plattformfunktionen abbilden kann.

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